Ginkgo biloba (Ginkgobaum) ist eine archaische Samenpflanze, die bereits vor über 250 Millionen Jahren existierte und zwei Erdkatastrophen durch Vulkanismus vor ca. 250 Millionen Jahren und durch Meteoriteneinschlag vor ca. 66 Millionen Jahren (Dinosauriersterben) überstand, die jeweils bis zu 90 % der Pflanzen- und Tierwelt auslöschten. Es handelt sich um einen frostharten, bis zu 30m hohen, zweihäusigen, also getrenntgeschlechtigen, Baum mit fächerartigen Blättern, der ursprünglich in China beheimatet war. Der Ginkgobaum sieht aus wie ein Laubbaum, gehört aber strenggenommen zu den Nadelhölzern und ist der einzige noch existierende Vertreter der Ginkgogewächse. Aus Anlass der Jahrtausendwende kürte das deutsche Kuratorium Baum des Jahres den Ginkgobaum zum Baum des Jahrtausends. Die Bäume werden erst im Alter zwischen 25 bis 35 Jahren fruchtbar und können weit über tausend Jahre alt werden.

Während der Ginkgobaum in China seit mehreren tausend Jahren als Heilpflanze geschätzt wird, wurde er im gesamten ostasiatischen Raum – besonders in Korea und Japan – ab etwa 1.000 n. Chr. häufig als Tempelbaum gepflanzt und verehrt. Händler brachten um 1730 erstmals Ginkgo-Pflanzen von Japan über die Niederlande nach Europa, wo sie in verschiedenen Parks und Gärten angepflanzt wurden und heute noch zu sehen sind.

In Japan werden die geschälten Samen als Beilage zu bestimmten Gerichten verwendet, und geröstete und gesalzene Ginkgokerne sind bei Japanern als Knabbereien ähnlich begehrt wie bei uns geröstete und gesalzene Erdnüsse. In der japanischen traditionellen Medizin spielt Ginkgo biloba keine Rolle.

Welche Bedeutung hat Ginkgo biloba in der Medizin?

Traditionelle medizinische Anwendung von Pflanzen zur Vorbeugung oder Heilung von Krankheiten beruhen auf immer wieder überlieferten und möglicherweise modifizierten Erfahrungen in langen Zeiträumen. Es handelt sich dabei um evidenzbasierte, ganzheitliche Ansätze. Kausale Zusammenhänge müssen dabei nicht unbedingt bekannt sein, bzw. es können Vorstellungen über Wirkweisen entstehen, die mit der analytischen, auf kausale Zusammenhänge basierenden, wissenschaftlichen Medizin, nicht immer in Einklang zu bringen sind. Das gilt für östliche und westliche traditionelle Medizin gleichermaßen. Nur dort, wo die wissenschaftliche Analytik Erfahrungen der traditionellen Medizin bestätigen kann, kommt es logischerweise zu einem guten und fruchtbaren Nebeneinander ohne „Glaubenskämpfe“.

Wie auch in vielen anderen Fällen von Phytotherapie, in denen die traditionelle und die wissenschaftliche Medizin (Schulmedizin) auf die gleichen Pflanzen oder Pflanzeninhaltsstoffe zurückgreifen, wird eine wissenschaftliche Analyse der Wirkmechanismen dadurch erschwert, dass die Heilpflanzen – so auch Ginkgo biloba – mehrere Wirkstoffe in Kombination „anbieten“ und darüber hinaus meist auch in wechselnden Konzentrationen, je nach Wachstumsbedingungen. Anders als bei künstlich hergestellten Arzneien, die meist nur einen einzigen Wirkstoff in einer bestimmten chemischen Form enthalten, liegen die Inhaltsstoffe der Pflanzen gleichzeitig in mehreren chemischen Varianten vor, die erst vom Körper in ihre bioaktive Form umgewandelt werden müssen oder eben inaktiv bleiben und aus medizinischer Sicht für den Stoffwechsel wertlos sind.

Die wichtigsten Inhaltsstoffe von Ginkgo biloba mit medizinischer Wirkung sind bestimmte Flavonoide und die die Diterpene Ginkgolid A, B, C, J und M und das Sesquiterpen Bilabolid. Die Wirkstoffe zeigen im Verbund eine neuroprotektive Wirkung, vor allem der Gehirnzellen und eine Förderung der Neurotransmissionen, dem Informationsaustausch zwischen den Zellen. Hierdurch ergibt sich eine Verbesserung der kognitiven Leistungen und degenerative Veränderungen wie Alzheimer werden gebremst. Auch die durchblutungsfördernde Wirkung leistet hierzu einen positiven Beitrag über eine bessere Sauerstoffversorgung der Nerven- und Gehirnzellen.

Während in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) auch die Samenkerne und Wurzelstücke des Ginkgo Biloba zur Anwendung kommen, greifen Schulmedizin und Heilpraktiker fas ausschließlich auf Extrakte zurück, die aus den Blättern des Baumes hergestellt werden und bestimmten Mindestanforderungen bezüglich Inhaltsstoffen genügen müssen. Die beiden bekanntesten Ginkgo biloba Blätterextrakte mit Zulassung für medizinische Zwecke sind EGb 761 und LI1370. Der Extrakt EGb 761 wurde 1965 entwickelt im Rahmen der Erforschung der Inhaltsstoffe des Ginkgo biloba ab Anfang der 1960er Jahre.

 

Welche Inhaltsstoffe zeigen medizinische Wirkung?

Inhaltsstoffe des Ginkgo biloba werden in der westlichen Medizin seit den 1960er Jahren erforscht. In der Regel werden Blattextrakte als Ausgangsstoffe untersucht, weil sich herausgestellt hat, dass die medizinisch wichtigsten Inhaltsstoffe in den Blättern in der höchsten Konzentration vorkommen. Die beiden wichtigsten Stoffgruppen, die gefunden wurden, sind Flavonoide und Terpene.

Flavonoide sowie Flavonglykoside und Biflavonoide wie sie in Ginkgoblättern gefunden wurden, kommen auch in anderen Pflanzen vor – nicht nur in Heilpflanzen. Sie erfüllen wichtige Aufgaben in Stoffwechselvorgängen und dienen als Redox-Systeme in der Atmungskette der Mitochondrien und als Oxidationsschutz für Vitamin C und z. B. auch für Adrenalin. Sie können die schädlichen freien Radikale oxidieren und damit unschädlich machen. Ihre biochemischen Funktionen können eine wichtige Rolle in der Prävention von Herzkreislauferkrankungen und malignen Tumoren spielen. Das alles erklärt aber noch nicht die besondere Rolle, die Ginkgo als Heilpflanze zukommt. Hier ist besonders die zweite Stoffgruppe mit medizinischer Wirkung zu nennen, die Terpene. Es handelt sich um sehr komplexe Stoffgruppen mit Isopren, einem ungesättigten gasförmigen Kohlenwasserstoff als Ausgangsmaterial für die Biosynthese. Es gibt Tausende verschiedener Terpene mit unterschiedlicher Wirkung in Stoffwechselvorgängen. Als medizinisch besonders wertvoll wird neben den Diterpenen Ginkgolid A, B, C, J und M das Sesquiterpen Bilabolid angesehen. Den Terpenen, die bisher ausschließlich in Ginkgo biloba gefunden wurden, wird im Verbund mit den Flavonoiden eine starke durchblutungsfördernde Wirkung zugeschrieben, die günstigen Einfluss auf die Blutversorgung der Gehirnzellen hat, weil die Stoffe problemlos die Blut-Hirn-Schranke passieren können und damit zur Behandlung von Schwindel, Tinnitus, Migräne und anderen Beschwerden eingesetzt werden können, die durch eine Sauerstoffmangelversorgung mit verursacht werden.

Eine außerordentliche Wirkung, die vor allem dem Bilabolid zugesprochen wird, liegt in seiner Funktion als Acetylcholinesterase-Hemmer im Zentralnervensystem (ZNS) und im vegetativen Nervensystem. Diese Wirkung ist bei der Behandlung hirnorganischer Leistungsschwächen wie z. B. bei Alzheimer-Demenz oder vasculärer Demenz wichtig.

 

Anwendungsgebiete und Dosierung

Die Kommission E des Bundesinstituts für Arzneimittel und ESCOP, der europäische Dachverband für Phytotherapie, empfehlen folgende 4 Anwendungsgebiete für die Behandlung mit medizinisch zugelassenen Ginkgoextrakten:

• Hirnorganische Leistungsstörungen bei Alzheimer-Demenz oder vasculärer Demenz
• Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) bis zum Stadium II, auch als Schaufensterkrankheit bekannt
• Schwindelanfälle
• Tinnitus

Bei einer Auswertung von mehr als 40 klinischen Studien konnten positive Behandlungsergebnisse bei folgenden Anwendungsgebieten festgestellt werden:

• Funktionelle Herzbeschwerden (Herzangst, Herzrhythmusstörungen)
• Verbesserung der Hirnleistungen (Konzentration und Lernleistungen, Stressverarbeitung)
• Kopfschmerzen und Migräne
• Makuladegeneration (Verminderung des Sehvermögens im zentralen Gesichtsfeld)
• Chronisch-venöse Insuffizienz der Bein- und Armvenen

Was passiert bei hirnorganischen Leistungsstörungen? Das ZNS schüttet bei Personen mit beginnender Demenz weniger Acetylcholin aus, dem wichtigsten Botenstoff im ZNS und im vegetativen Nervensystem zur Übertragung von Nervenreizen an den Synapsen. Da Acetylcholin bereits während der Reizübertragung von seinem Gegenspieler Acetylcholinesterase (AChE) inaktiviert und wieder kassiert wird, kommt es zu einer zu starken Hemmung des Neurotransmitters Acetylcholin und damit zu einer Störung der Reizübertragung. Die verminderte Ausschüttung des Neurotransmitters Acetylcholin wird durch eine Hemmung des Gegenspielers AChE kompensiert, so dass sich die Hirnleistungen meist deutlich verbessern lassen. Das ist besonders wirksam in Verbindung mit der durchblutungsförderenden Wirkung in den feinen Hirnkapillaren.

Die arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), die meist Beinarterien betrifft, führt zu starken Schmerzen beim Gehen, weil die Beinmuskeln eine Unterversorgung mit Sauerstoff erleiden. Die pAVK wird in Stadien von I bis IV unterteilt. Im Stadium II ist beschwerdefreies Gehen bis zu 200 m möglich. Die Krankheit, die durch Stenosen oder sogar Verschlüsse der Beinarterien verursacht wird, kann in frühen Stadien bei Anwendung der durchblutungsfördernden Wirkung der Ginkgo-Extrakte gelindert werden.

Schwindelgefühle werden häufig durch Durchblutungsstörungen im Gleichgewichtsorgan (Vestibularorgan) im Mittelohr oder in den verarbeitenden Hirnarealen verursacht. In diesen Fällen kann die Anwendung der durchblutungsfördernden Extrakte des Ginkgo biloba Linderung oder sogar Heilung bewirken.

Die Ursachen, die ein permanentes Pfeifgeräusch (Tinnitus) hervorrufen, sind vielfältig. Wenn kein organischer Schaden erkannt werden kann, kommen Hörnerv, die verarbeitenden Hirnzentren und Thalamus und Amygdala (Stressverarbeitung) in Verdacht. Besonders in den Fällen, in denen eine Unterversorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen eine Rolle spielen, kann die Anwendung der Ginkgo Extrakte zur Linderung der Symptome bis zur völligen Heilung führen.

Für nahezu alle Anwendungsgebiete wird die Einnahme von Extrakten aus Ginkgo biloba empfohlen, weil die Menge der enthaltenen Wirkstoffe definiert ist und der Gehalt an unerwünschten Stoffen wie Ginkgolsäure und ähnliches auf 0 oder auf ein unbedenkliches Maß reduziert ist. In der Regel ist eine Dosis von 120 mg bis 160 mg täglich ausreichend. Eine Behandlung sollte sich mindestens über 6 bis 8 Wochen erstrecken.

 

Enthält Ginkgo biloba auch Schadstoffe?

Leider ist die Freude über die positiven Wirkungen von Ginkgo biloba nicht ganz ungetrübt. Die Blätter und vor allem die Samen enthalten auch Ginkgolsäure, die Magenschleimhautentzündungen und schwere allergische Reaktionen hervorrufen kann. Auch neurotoxische und cytotoxische sowie mutagene Wirkungen wurden beobachtet. In den zugelassenen Ginkgo-Extrakten ist der Anteil der Säure auf ein Minimum reduziert und unterliegt regelmäßiger Kontrolle.

Interessant ist allerdings, dass in der TCM ein Sud aus den Kernen und Blättern gegen Tuberkulose eingesetzt wurde. Es ist nachgewiesen, dass die Ginkgolsäure abtötende Wirkung auf Mykobakterien hat, den Erregern der Tuberkulose. Es muss dabei bedacht werden, dass Ginkgolsäure auch hemmend auf Vitamin B6 (Pyridoxin) wirkt, woraus sich die neurotoxische Wirkung ab einer gewissen Konzentration erklärt.

 

Das Vorkommen von Ginkgo biloba

Wegen der medizinisch wirksamen Inhaltsstoffe in den Blättern werden in asiatiaschen Ländern, in Europa (vornehmlich Frankreich) und in den USA seit den 1980er Jahren vermehrt Ginkgoplantagen angelegt, in denen es meist auf die Produktion der Blätter ankommt. Die Ginkgobäumchen werden in Reihen – vergleichbar mit Heckenpflanzen – angepflanzt und regelmäßig geschnitten, so dass viele Verzweigungen in Höhen bis zu zwei Metern entstehen und eine Art Verbuschung mit starker Laubentwicklung erreicht wird, das für regelmäßige maschinelle Ernten geeignet ist. Als Pflanzmaterial werden hauptsächlich chinesische Neuzüchtungen verwendet, die bereits mit ca. 5 Jahren geschlechtsreif sind, um auch Samen ernten zu können.

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